Kobudo: Shodan für Florian (14) und Leandro (16)

Es muss eine ganze Weile gedauert haben bis sie realisieren konnten, was da am Wochenende vom 26. zum 28. Juni 2026 abgelaufen ist. Nach intensiver Vorbereitung, insbesondere auch im KBK eigenen Trainingslager am Schluchsee, sowie dem finalen GO unseres I.M.K.A Chefs Dr. Claus W. Fröhlich, ging es für Florian und Leandro wie so viele Male zuvor auch in diesem Sommer wieder nach Bussolengo, Italien.

Florian Watzke (14 Jahre alt) und Leandro Paz Graßl (16 Jahre alt) lernen sich im Jahre 2022 am GIPS, dem Gymnasium an den Pfarrwiesen in Sindelfingen, kennen. Als beide damals in der 5. bzw. 6. Klasse waren, gab es an der Schule Ausschreibungen zu diversen AGs, darunter auch die fürs Karate.

Bereits nach kurzer Zeit fangen beide – anfangs noch recht unabhängig voneinander – Feuer für diesen doch außergewöhnlichen Sport. Irgendwann muss Leandro wohl angefangen haben, Florian zu necken. Wer beide kennt, kann sich das bildlich und wörtlich vorstellen. „Flo mit oder ohne H“ diente als Auftakt und Eisbrecher in eine Freundschaft, deren Tragweite wohl beide damals noch nicht absehen konnten. Nach einem Jahr Karate AG haben beide ihre erste Prüfung zum Gelbgurt abgelegt.

Ihr Lehrer und Leiter der Karate AG, unser Sensei Georg Groß, sah offensichtlich Potential in beiden. Und so berichtete er vom Verein und bot Ihnen unter der elterlichen Auflage „sich gut zu benehmen“ die Chance auch hier mal über ein Probetraining hinein zu schnuppern. Chrissy, die Mama von Leandro, berichtet, dass sie damals beim Probetraining zugeschaut hatte und sich dachte: „da bin ich ja gespannt ob er nochmal hingeht 🤣 “. Aber weit gefehlt. Für Leandro war sofort klar: Karate wird ein Teil seines Lebens. Als logische Konsequenz dieser Entscheidung hing er das Fussballtraining an den Nagel und konzentrierte sich fortan auf den Kampfsport, übte je nach Wetter fleißig Katas im Wohnzimmer oder auch im Garten.

Und auch für Florian war die Karate AG und der Einstieg in den Verein die absolut richtige Entscheidung. Seine Mama berichtet, wie unglaublich wertvoll sie diesen Sport für seine persönliche Entwicklung hält und wie sehr sich sein Selbstwertgefühl und sein Selbstbewusstsein dadurch gesteigert haben.

Dank des gemeinsamen Trainings erkennen Leandro und Florian außerdem relativ schnell, dass sie nicht nur stimmige Trainingspartner sind, sondern auch außerhalb des Dojos und der Schule viele gemeinsame Interessen haben.

Die Bindung zwischen beiden wird zunehmend intensiver und inniger. Beide beschreiben, dass sie dem anderen blind vertrauen und sich wie Brüder („nur von anderen Müttern“) fühlen. Leandro findet ganz wundervolle Worte für Florian „Die Besonderheit bei ihm liegt darin, dass er sehr viel Verständnis und Empathie hat. Florian ist eine sehr humorvolle Person und der beste Trainingspartner und beste Freund den ich mir vorstellen kann.“

Im Dojo kamen sowohl Leandro als auch Florian dann zum ersten Mal mit den Kobudo Waffen in Kontakt. Und dass beide von diesen fortan die Finger nicht mehr lassen konnten, war im Grunde vorhersehbar. Kobudo, insbesondere im Stile des Matayoshi Kobudo, ist eine ganz besondere Sportart. Viele Bewegungen im Karate werden durch das Üben mit den Kobudo Waffen auf faszinierende Weise natürlicher. Und mal ehrlich: Der Coolness-Faktor von Sai, Nunchako und Co ist ja wohl unvergleichbar. Die Teenage Mutant Ninja Turtles lassen grüßen!

Und so wurden mangels eigenem Bo anfangs Besenstiele durch die Gegend geschwungen, immer mit einem gewissen Verletzungsrisiko für Fernseher & Co. Es folgten neben dem Training im Dojo zahlreiche Kobudo Lehrgänge in Bussolengo, Landsberg am Lech und dem vom KBK organisierten Kobudo Lehrgang in Renningen.


Aber warum ist das alles denn jetzt so wichtig? Nun, in diesem Sommer ist etwas ganz großartiges passiert. Wir hatten es in unserem Bericht vergangenes Jahr bereits angedeutet und jetzt ist es tatsächlich Wirklichkeit geworden.

Am Samstag, den 27.06.2026 haben beide in Bussolengo erfolgreich ihre Prüfungen zum 1. DAN im Matayoshi Kobudo abgelegt. Und das ist deshalb so unglaublich besonders, weil beide noch so wahnsinnig jung sind. Eines ihrer großen Vorbilder, Roberto Russo, seines Zeichens ein Weltmeister im Okinawa Traditional Kobudo (Titelträger 2019), hat selbst seine erste Schwarzgurtprüfung im Alter von 16 Jahren abgelegt. Florian toppt das nun und erreicht dieses Ziel bereits im Alter von 14 Jahren! Und dass dieses Ziel wahr geworden ist, dass verdankt er natürlich nicht nur seinem kontinuierlichen Training, sondern vor allem auch seinem Sensei Georg, der Unterstützung seiner Familie und selbst verständlich auch Leandro, der durch seine fordernde Art Florian mit ganz großer Sicherheit dahin gepusht hat, wo er heute steht.

Während der Prüfung haben nicht nur die beiden ordentlich geschwitzt. Auch Florians Eltern waren vor Ort, eigenen Angaben zufolge vermutlich noch aufgeregter als Florian selbst.

Nach Abschluss aller Prüfungen gibt es ein persönliches Feedback, welches insbesondere ganz Luca Ambrosi like bei Florian sehr anschaulich unter Zuhilfenahme der einzelnen Waffen erfolgt. Florian berichtet, dass er gar nicht fassen konnte, als Sensei Luca Ambrosi ihm gratulierte. Jeder der sein Gesicht und seinen Blick unmittelbar danach gesehen hat, würde an dieser Stelle nickend zustimmen.

Die frohe Botschaft über die bestandene Prüfung wurde sodann nach Deutschland kommuniziert, wo Leandro’s Mama wohl wie eine Irre und schreiend vor Freude durch Haus gelaufen sein muss. Zu schade, dass wir das nicht live beobachten konnten 🤣

Wir sind wirklich wahnsinnig stolz auf Euch beide! In so jungen Jahren so ein Ding durchzuziehen, da gehört doch schon echt einiges an Nerven dazu.

Diesen ganz besonderen Samstag Abend haben wir dann wundervoll gemütlich am Gardasee ausklingen lassen. Man hat beiden angemerkt, dass sie noch verarbeiten müssen, was an diesem Tag passiert ist.

Am Sonntag kam dann insbesondere für alle Shodan Prüflinge DER ganz große Moment. Neben der Verkündung ihrer erfolgreichen Prüfungsleistungen zum 1. DAN wird ihnen hier nämlich zum allerersten Mal „ihr“ schwarzer Gürtel angelegt. Für die deutschen Mitglieder des I.M.K.A übernimmt diese Aufgabe traditionell Sensei Dr. Claus W. Fröhlich, so auch im vergangenen Jahr bei Majella Dworak und Immanuel Tepper.

Aber als wäre dieser Augenblick, dem ja jeder DAN-Anwärter ohnehin schon mit viel Aufregung entgegen fiebert, nicht schon genug, hat Sensei Claus mindestens bei den 4 anwesenden KBK Mitglieder für einen sehr emotionalen Moment gesorgt. Er bittet überraschend Georg zu sich nach vorne, übergibt ihm den schwarzen Gürtel von Leandro und damit die ganz besondere Ehre diesem und im Anschluss natürlich auch Florian höchst persönlich ihre Schwarzgurte anzulegen.

Was in beiden vorgegangen sein muss – unbezahlbar.

„Dieser Moment ist für mich einfach unvergesslich. Von Sensei Claus oder Sensei Guarelli den Gürtel angelegt zu bekommen ist natürlich eine riesige Ehre. Aber von Georg den Gürtel umgebunden zu bekommen ist einfach ein anderes Niveau. Er ist nämlich die Person die über diese langen Jahre uns gefördert, trainiert und unterstützt hat. Georg hat immer an uns geglaubt und uns motiviert. Nur durch ihn sind wir überhaupt soweit gekommen wie wir es sind.“

und

„Der Moment als Claus verkündet hat das Georg uns die Gürtel umbinden darf war unvergesslich weil es einfach etwas sehr besonderes ist den Gürtel von der Person umgebunden zu bekommen die einen gelehrt, unterstützt, motiviert, an einen geglaubt und einen auf seinem ganzen Weg begleitet hat“

In ihren Worten liegt so viel Wertschätzung für Georg, ihr Vorbild, der über die Jahre natürlich auch seine ganz persönlichen Erinnerungen und Empfindungen gesammelt hat. So fiel ihm Leandro in der Karate AG schon von Beginn an positiv auf, weil er Anforderungen technisch immer sehr schnell umsetzen konnte. Florian machte dagegen eher durch seine sehr auffällige Zurückhaltung aufmerksam. Heute schwärmt er über beide, wie sie die Techniken mit präzisem Timing zwischen Anspannung und Entspannung ausführen und durch entsprechende Beschleunigung mit den Kobduo Waffen die Luft schneiden. Er ist begeistert und beeindruckt von der tiefen Freundschaft der beiden sowie dem zwischenmenschlichen Verhältnis, welches alle 3 untereinander pflegen.

Frisch gekürte Shodan Träger

Wieder zurück zuhause berichten Florian und Leandro noch ein wenig wie es ihnen denn jetzt geht, als frisch gebackene Schwarzgurte:

Florian: „Mir geht es damit sehr gut. Wenn ich an die Prüfung denke, denke ich immer an den ganzen Weg den ich mit Leandro, dir, Georg und allen anderen bis dahin hatte und das macht mich sehr glücklich“

Leandro: „Inzwischen hab ichs realisiert dass ich den Schwarzgurt habe. Das Gefühl jedes mal wenn ich den anlege ist einfach unbeschreiblich. Ich fühle mich jedes mal wie vollgetankt mit Energie und Wissen.“

Denn wer denkt das wärs jetzt erstmal gewesen, weit gefehlt. Beide haben direkt noch größere Pläne für die Zukunft: „Wir beide haben definitiv das Ziel den Technical Instructor im Kobudo zu machen, genauso wie unseren Nidan. Im Karate wollen wir auch unseren 2. Kyu machen und irgendwann auch auf Wettkämpfe gehen bis hin zu vielleicht der ein oder anderen Weltmeisterschaft.“

Na da lassen wir uns sehr gerne überraschen!

Auch Georg sieht in Zukunft beide weiter eng an seiner Seite: „Ich habe vollstes Vertrauen in die beiden, weshalb sie von mir schon heute in viele wichtige Prozesse in der AG und im Verein mit einbezogen werden“.

Leandro und Florian – wir wünschen Euch von ganzem Herzen: Geniesst den Anblick Eurer Schwarzgurte, das (ganz frische) Verliebtsein 🥰 und den Sommer. Alles andere kann warten, ganz sicher!


„Warten“ muss man übrigens manchmal auch erst lernen.

Sometimes it needs a real master to stop you chasing short term goals and to push you into a long term development.

Mit dieser Erkenntnis geht noch jemand aus diesem Sommerlehrgang in Bussolengo heraus, deren Zulassung zur Schwarzgurt-Prüfung im April noch in Frage gestellt wurde.

“Susanna, you are so strong. And very very fast”, so das wiederkehrende Feedback von Sensei Silvano Corsi während dem Sommerlehrgang. Er kann nicht wissen, wie viel Bedeutung in seinen Worten liegt und wie viel Frieden er nach einem Sturm damit bringt.

Sometimes you win, and sometimes you learn.

Jeder bekommt vom Leben das, was er gerade braucht um sich weiterzuentwickeln. Vertraut darauf. 

Deutsche I.M.K.A Teilnehmer

Text: Susanne Goldammer, Fotos: Katrin Fegert, Georg Groß, Susanne Goldammer